Die Eisarena
Der neue Fuchsbau
 
Stockstiche ins Herz
26.10.2005 | 15:38 Uhr von
Was macht eigentlich ... Joachim Ziesche
Es dauerte 15 Jahre. „Dynamo, Dynamo“ schallte es aus allen Ecken. Auch aus der Gästekurve. Weißwasser gegen Berlin – die alten Rivalen endlich wieder vereint als Gegner auf dem Eis und auf den Rängen. Zumindest für zweieinhalb Stunden. Das Pokalspiel gestern im Fuchsbau erinnerte an 20 Jahre DDR-Eishockey, an Zwei-Klub-Meisterschaften. Aber ein Derby ohne den Namen Ziesche? Undenkbar! Nicht er war dabei, die Berliner Spieler- und Trainer-Legende Joachim Ziesche. Diesmal stand die dritte Generation der Eishockey-Dynastie im Aufgebot der Eisbären: Enkel Markus. „Natürlich hat er es schwer, mit der Familienbürde umzugehen. Ich bin stolz auf ihn. Und manchmal bin ich ärgerlich, weil ich sein größter Kritiker bin. Er hat das Problem, dass er mir nichts vormachen kann“, erzählt Joachim Ziesche. Der Opa feixt. Der „Lange“ bestritt als 16-Jähriger die ersten Pflichtspiele im Männerteam von Einheit Berliner Bär, mit 17 stand er in der Auswahl. 1958 löste sich Einheit auf, die meisten Spieler wanderten in den Westen. Sechs blieben, wechselten zu Dynamo. Ziesches große Zeit als Spieler begann.

„In Erinnerung sind mir vor allem Auftritte bei A-Weltmeisterschaften. Das Eishockey in der DDR wurde erst ab 1959 gefördert. Schon zwei Jahre später stießen wir als Fünfter in die Weltspitze vor. Alle Welt staunte. Wir waren stolz. Das kleine Land hat den Großen das Fürchten gelehrt. Die Rolle gefiel uns.“

Die Welt staunte noch mehr, als die DDR auch in den 70er und 80er Jahren im Konzert der Großen mitmischte: Die nationale Liga bestand nur aus zwei Teams.

„Entscheidend über die Zukunft des Eishockeys in unserem Land sollte die WM 1970 in Schweden sein. Eishockey stand auf der Streichliste des DTSB(*)-Chefs Manfred Ewald. Er spekulierte mit unserem Abstieg aus der A-Gruppe, womit er die Aufhebung der Oberliga hätte besser begründen können. Doch wir wurden wieder Fünfter. Banges Warten folgte. Doch Ewald setzte sich durch, teilte den Vereinen die Auflösung der Liga mit. Eishockey sei zu teuer, zähle nicht zu den medaillenintensiven Sportarten, hieß es. Nur die Zentren in Berlin und Weißwasser sollten bestehen bleiben. Die anderen Vereine wurden hart getroffen, verschwanden von der Landkarte. Dies schockierte alle. Uns blieb nur die Motivation Europapokal und WM.“

Joachim Ziesche bestritt in Stockholm seine letzte WM als Spieler und ging hinter die Bande. Drei Jahre später rückte er als Cheftrainer mit der Nationalmannschaft wieder in den Mittelpunkt. Sogar das SED-Politbüro tagte wegen Eishockey.

„Ich kann mich an jenen Dienstag 1973 genau erinnern: B-WM in Österreich. Wir spielten gegen die USA. Die Amerikaner haben uns regelrecht abgestochen. Es war ein Schlachtfest. Immer wieder provozierten sie uns. Doch wir blieben ruhig, gewannen 6:4. Das Spiel haben wohl einige hochrangige Genossen am Fernsehapparat verfolgt. Eine Sitzung wurde einberufen. Man wollte das Feld nicht so einfach dem Klassenfeind überlassen. Wir wurden angewiesen, alles daran zu setzen, um aufzusteigen. Wir schafften es.“

1975 folgte der nächste Coup: Ziesches Truppe qualifizierte sich für Olympia. Doch der DTSB stellte sich stur. Kein Geld, keine Teilnahme. Selbst die Intervention des Staatssicherheits-Chefs und Eishockey-Fans Erich Mielke ließ Ewald kalt.

„Das war der endgültige Nackenschlag. Es gab noch eine interne Konferenz auf höchster Ebene, aber das Mielke-Plädoyer für die Olympia-Teilnahme wurde abgeschmettert. Man kann sich heute nicht ausmalen, welcher persönlichen Anstrengungen es bedurfte, diesen Sport im Osten am Leben zu erhalten. Wir besaßen rund 50 Erstliga-Spieler, einige Nachwuchsabteilungen. Es war ein Inzucht-Betrieb. Einmalig in der Welt, unvorstellbar.“

Das internationale Eishockey würdigte die Arbeit des Berliners. Der Weltverband nahm Ziesche in die „Hall of Fame“ auf. Im Westen der Republik will von dieser Überlebens- und Aufbauarbeit bis heute kaum einer etwas wissen. Nur die Talente nahm man nach der politischen Wende dankend an. Mit Joachim Ziesche führte der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) nur ein dreiminütiges Gespräch. Der nächste Stockstich ins Herz des Puck-Verrückten.

„Am Rande des Deutschland-Cups 1991 in Stuttgart kam der damalige Präsident auf mich zu und fragte, was machen wir mit Ihnen. Ich sagte, Sie geben mir einen Posten und ich packe mit an. Dann zögerte er und meinte: ,Sehen Sie, wären Sie abgehauen, wären Sie jetzt ein Großer.‘ Darauf entgegnete ich ihm nur: ,Der Gegner liebt den Verrat, aber nicht den Verräter.‘“

Nach der Trainerstation in Riessersee kehrte er ein Jahr später zu seinem Heimatverein zurück. Es folgte eine schwere Saison und ein bitterer Abschied.

„Ich bin während der Spielzeit als Trainer eingesprungen, weil ich helfen wollte. Aber der Rückstand war so groß, dass wir die Play-offs verpassten. Nach der Saison erfuhr ich eines Nachts von meinem Abschuss, der Vertrag sollte nicht verlängert werden. Es war ein unschöner Vorgang, der sehr weh getan hat. Ich habe mein ganzes Leben mit Eishockey verbracht. Ich hatte mir einen anderen Abgang vorgestellt.“

Heute gibt Ziesche zu, dass er sechs bis sieben Jahre gebraucht habe, um den unwürdigen Abschied zu verdauen. Die Zeit heilte die Wunden. Der Rentner arbeitet nebenbei noch bei einer Projektentwicklungsfirma in Berlin. Eishockey verfolgt er als Zuschauer bei den Eisbären.

„Für die Vereine in Weißwasser, Crimmitschau und Dresden ist es immer schwierig, wenn die Wirtschaft nicht mitzieht. Allein geht es nicht. Ich begrüße den Hallenbau in Dresden, frage mich aber, warum er nur für 4 000 Zuschauer konzipiert ist. Das ist perspektivisch gesehen falsch. Für Ansprüche, die Dresden früher oder später hegen wird, wäre eine Halle mit 7- bis 8 000 Plätzen angemessen. Ich sehe viel Potenzial in der Stadt.“

(Notiert: Sören Fiedler)

Quelle: Sächsische Zeitung
562 mal gelesen
 
1 | Odin | 26.10.2005 @ 17:38
Abwarten Herr Ziesche! Wer weiß welche Rolle Eishockey in der Größenordung Köln, Hamburg, Mannheim usw . in einigen Jahren noch spielen wird. Jedes Wettrüsten stößt irgendwann an seine Grenzen. Außerdem werden in DD nicht soviele finanziele Mittel zur Verfügung stehen um dauerhaft zwei Profisportarten zu unterstützen. Ansonsten schöner Artikel!
2 | Klaus | 26.10.2005 @ 19:24
Mein Gott, so ein Gelaber. Aber wahrscheinlich können die alten Säcke nicht anders. Wenn Mielke gesagt hätte, es wird gemacht, dann wäre es gemacht worden. Ewald war doch ein kleines Licht gegen den Stasibanditen. In Garmisch ist Ziesche doch auch gescheitert. Verräter??? So ein Idiot! Gerhard Kießling ist damals gegangen und war einer der Erfolgreichsten. Keiner wär auf die Idee gekommen ihn als Verräter zu sehen. Ostfunktionäre eben? SCHEISS DYNAMO!
3 | Kasatonov | 27.10.2005 @ 15:53
@2:"Wenn Mielke gesagt haette..." du kannst ja mal ein Buch ueber dein "Insiderwissen" zur Arbeitsweise bei der Entscheidungsfindungen der verantwortlichen Stellen in der DDR schreiben...."...Verraeter..." das Wort hat durch die Blume ja laut Schilderung der damalige Praesident als Argument angefuehrt und nicht der Herr Ziesche. Ausserdem, das Sprichwort lautet nun mal so. Du kannst aber auch sagen: "Der Gegner liebt die Bockwurst, aber nicht den Wurstmann"is Kiessling auch Hallenmitglied?
» Die News ist älter als 14 Tage. Die Kommentarfunktion wurde deshalb deaktiviert.
MATCHUP
 
SOMMERPAUSE
LETZTER SPIELTAG
So. 29.03.26
  1 2 3 F
LF 0 0 0 0
KH 0 0 0 0
KURZTABELLE
1. Krefeld Pinguine 114
2. Kassel Huskies 106
3. Star Bulls Rosen 97
4. Ravensburg Tower 91
5. SC Bietigheim St 89
6. EV Regensburg 81
7. Lausitzer Füchse 79
8. EV Landshut 76
9. Düsseldorfer EG 74
10. Eispiraten Crimm 68
11. EHC Freiburg 61
12. Blue Devils Weid 57
13. EC Bad Nauheim 55
14. ESV Kaufbeuren 44
KALENDER
LINKS
ADMINISTRATION