Elli hatte ein breites Becken: Zwischen Jeans und Bauch passte, ohne dass es auffiel, locker eine kleine Flasche Schnaps. Die Tarnung war nötig, denn schon 1988 wurden Stadiongänger gefilzt und abgetastet. Zu oft reagierten aufgebrachte Zuschauer mit Flaschenwürfen auf Entscheidungen „parteilicher“ Schiedsrichter, die – wie im Fußball – Berlin protegierten. Elli brachte die Flasche „Halb und Halb“ sicher ins Eishockey-Stadion von Weißwasser.
„Wie heißt der Meister? Weißwasser heißt er!“ Das war der Schlachtruf der Lausitzer Eishockey-Fans zu den heißen Duellen mit Dynamo Berlin. Trotz Kälte war das Freiluft-Eisstadion, wie hier 1981, stets dicht gefüllt. Foto: Gunnar Schulze
Der Alkohol wärmte in der zugigen Freiluft-Arena, und er half während der Minimeisterschaft über viele Niederlagen hinweg. So war es folgerichtig, dass ich die kleine Studentengruppe, die ich am 1. November 1988 nach Weißwasser lotste, mit Alkohol beköstigen musste. Zumal ich vorher im Kommilitonenkreise bei jeder Gelegenheit über Rituale und Tradition des Eishockeys in Weißwasser referierte, wobei ich über Großvaters Schlittschuhen parlierte, die aus gestepptem Känguruleder bestanden und deren Kufen nach fünfzig Wintern nur noch Millimeter maßen. Ob mein Großvater am 15. Dezember 1932 im Keglerheim der Gründung des Vereins „Eishockey Weißwasser“ beiwohnte, bleibt sein Geheimnis. Erst vor wenigen Jahren wurde dieses Datum von Ortschronisten als Gründungszeitpunkt ermittelt, da konnte ich meinen Großvater nicht mehr fragen, er war schon gestorben. Fakt ist, dass er mit selbstgeschnitzten Schlägern über den Braunsteich flitzte und in den dreißiger Jahren dreimal Schlesischer Meister wurde.
Titelfeier nach sieben Jahren
Vor uns lag das sechste Spiel der DDR-Meisterschaft 1988/89: Weißwasser hatte die fünf vorher gewonnen, ein weiterer Erfolg und man wäre zum 24. Mal DDR-Meister. „Wie heißt der Meister? Weißwasser heißt er!“, riefen die Fans, die sich eng aneinander drückten, weil die halbe Lausitz angereist war, um nach sieben Jahren wieder einmal einen Titelgewinn zu feiern.
Das Spiel wogte zwei Drittel lang auf und ab, Berlin wollte sich nach fünf Niederlagen nicht so leicht geschlagen geben, als etwas Seltsames, gleichwohl Erheiterndes passierte: Des Hauptschiedsrichters hintere Hosennaht war bei einem Ausfallschritt geplatzt. Dies geschah nicht selten, stand doch der DDR-Trauerausstatter, bei dem die Schiris einkaufen mussten, nicht für Qualität. Im Laufe des schnellen Spiels kam auch die Naht ins Laufen. Immer, wenn sich der Berliner Unparteiische Gerhard Müller zum Beispiel zum Bully bückte, ging der „weiße Mond“ vor den 12500 Zuschauern auf, was jeweils mit lautem „Ah“ und „Oh“ honoriert wurde. Müller trug die langen Weißen unterm schwarzen Beinkleid, die sehr schön den für die Eishockey-Schiedsrichter vorgeschriebenen Zebrapullover ergänzten.
2:2 stand es, als Jörg Handrick mit einem genialen Dreiangel-Schuss das 3:2 gelang. Der Torschrei im Stadion schallte in die kühle Nacht. So wie wir dort „Tor“ brüllten, brüllten wir nie wieder „Tor“. Endlich hatte man es den Hauptstädtern, den ewig Bevorzugten, gezeigt. Vergessen waren die vielen Niederlagen, wonach die Berliner höhnisch Eiskunstlauf-Elemente darboten, so zum Beispiel Dieter Frenzel mit einer perfekten Standwaage.
Ausgerechnet Jörg Handrick, der wegen jugendlicher Eskapaden mehrfach vor dem Rausschmiss stand, machte ein Riesenspiel, schoss auch das 4:2. Die Hardliner im Weißwasseraner Verein waren nicht mehr am Ruder. Rüdiger Noack, ein gemäßigterer Chef, sah Handricks Talent und hielt seine schützende Hand über ihn und andere junge Spieler, rettete manche Eishockey-Karriere. So erging es nicht allen Quertreibern. Aus politischen oder disziplinarischen Gründen verschwanden Eishockey-Hoffnungen in der Versenkung, der Berliner Thomas Popiesch gar im Knast. Das größte Talent des DDR-Eishockeys, Reiner Tudyka, hatte schon mit 17 Jahren vom Dynamo-Einerlei dermaßen die Schnauze voll, dass er eine Flucht aus der Republik wagte und vier Jahre im Gefängnis absitzen musste. Während Handrick seit Jahren um Weißwasser einen Bogen macht, trainiert Popiesch heute ohne Groll die Ex-Dynamos aus der Lausitz.
Gestopft und zugenäht war des Referees Hose nach der letzten Drittelpause, als die Massen ironisch den Namen des Gästetrainers riefen. „Aaachieem!“, hallte es mehrfach durchs Rund – eines dieser ungewöhnlichen Rituale. Ausgerufen wurde Joachim Ziesche, der in Weißwasser aufgewachsen ist und als Spieler ein Star in Berlin war. Später trainierte er die Hauptstädter und die DDR-Auswahl.
Kürzeste DDR-Meisterschaft
Coach Ziesche sah sich, da das für die Gastgeber erlösende 5:3 gefallen war, diesen Schmährufen ausgesetzt, ertrug sie aber mannhaft. Viel schwerer wog für ihn die Niederlage. Ziesche hatte das Play-off-System eingeführt, nun fiel es ihm auf die Füße. Weißwasser wurde zum 24. Mal DDR-Meister, und das nach nur sechs Spielen, die kürzeste Meisterschaft der Geschichte. Vom Tribünendach aus rollten Umtriebige ein riesiges Glückwunsch-Transparent aus, die La-Ola-Welle – damals noch eine neue Geste – schwappte über. Als Kind erlebte ich den 22., als Jugendlicher den 23. Titelgewinn. So ausgiebig wie die 24. Meisterschaft wurde keine begossen. Zum Glück hatten wir in unserer Gruppe Elli und die Flasche „Halb und Halb“ dabei.
Zweimal noch gab es solch‘ umjubelte Spiele. Am 14. September 1990 gewann Weißwasser das erste Match in der Bundesliga gegen Westberlins Preußen vor 3000 Fans mit 2:1. Am Ende dieser Saison schickten die Lausitzer vor gleicher Kulisse den alten Rivalen Dynamo Berlin in die 2. Liga, legendär „Anna“ Gebauers Siegtor Sekunden vor dem Ende der dritten Play-Down-Partie. Die Verhältnisse sollten sich schnell ändern.
Elli ist heute Lehrerin in Dresden. Die Eishockey-Mannschaft von Dynamo Weißwasser heißt inzwischen Lausitzer Füchse. Sie spielen auch nicht mehr erst-, sondern nur noch zweitklassig. Und als großer Erfolg gilt nunmehr schon, wenn, wie im April dieses Jahres, in den Abstiegsspielen (Play-downs) der 2.Bundesliga der neue Erzrivale Dresdner Eislöwen auf den bitteren Weg in die Drittklassigkeit geschickt wird. (Sven Rohrbach *)
* Der Autor arbeitet als Sportjournalist beim MDR-Fernsehen. Sein Bruder Dirk Rohrbach ist ein ehemaliger Eishockey-Profi und heute stellvertretender Vorsitzender des ES Weißwasser.
Find ich auch. Ich kann sagen...ICH WAR DABEI! Wenn ich das so lese fällt mir einiges wieder ein. Das werde ich mit einer "Gedenkminute" im alten Stadion am Samstag bei ner Flasche edlem Hopfengebräu im kleinen Kreise feiern. Is mal wieder Zeit.
Lob an den Autor!
3 | HGX78 | 13.12.2007 @ 02:01
Sehr nette Geschichte. Gerne mehr davon.
@Taubentreter. nimm doch ne Flasche "Halb und Halb" mit, ich denke die mußt du nicht rein schmuckeln...*grins
4 | DavidH. | 13.12.2007 @ 08:23
jo das Spiel war einfach geil.
5 | Thorben | 13.12.2007 @ 08:34
AAAAch ja (seufz): Ich war auch dabei und hatte Tage später noch keine Stimme!
6 | elarenal | 13.12.2007 @ 08:36
Kann mir das mit Gebauer einer erklären (macht einen Bogen um WSW ) ?
7 | sachse | 13.12.2007 @ 08:36
ach war das schön. auch die auswärtsspiele waren damals heimspiele und berliner fans gab es praktisch nicht . gibt es vielleicht noch mehr so schöne fotos?
leider konnte man die stimmung aus dem alten stadion nicht einfrieren aber es gab immer ein gänsehautgefühl, im vollen stadion gestanden zu haben.
8 | sachse | 13.12.2007 @ 08:37
@6 anna garantiert nicht, den sieht man noch oft.
9 | hutsche | 13.12.2007 @ 08:43
oh ja *schnief* war das scheen ... ach die Erinnerung *Erpelhaut krieg*
10 | stesi | 13.12.2007 @ 15:59
das war ne schöne zeit und ich war auch dabei:)freu mich auf sonnabend.
11 | tanngrismir | 13.12.2007 @ 19:11
*Gänsehaut* beim in Erinnerungen schwelgen...... Wenn schon endlich Sonnabend wäre!!!!!!
12 | JimPanse | 13.12.2007 @ 19:36
"Weinrot-Weiße ........" Oooooh wie war das schöön! Wo gibts noch mehr Fotos aus diesen Tagen??
13 | Heidi | 14.12.2007 @ 08:30
könnte mir einer sagen, warum handrick den bogen macht? so schlechte erfahrungen bzw. ärgernisse in wsw gehabt?
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Titelfeier nach sieben Jahren
Vor uns lag das sechste Spiel der DDR-Meisterschaft 1988/89: Weißwasser hatte die fünf vorher gewonnen, ein weiterer Erfolg und man wäre zum 24. Mal DDR-Meister. „Wie heißt der Meister? Weißwasser heißt er!“, riefen die Fans, die sich eng aneinander drückten, weil die halbe Lausitz angereist war, um nach sieben Jahren wieder einmal einen Titelgewinn zu feiern.
Das Spiel wogte zwei Drittel lang auf und ab, Berlin wollte sich nach fünf Niederlagen nicht so leicht geschlagen geben, als etwas Seltsames, gleichwohl Erheiterndes passierte: Des Hauptschiedsrichters hintere Hosennaht war bei einem Ausfallschritt geplatzt. Dies geschah nicht selten, stand doch der DDR-Trauerausstatter, bei dem die Schiris einkaufen mussten, nicht für Qualität. Im Laufe des schnellen Spiels kam auch die Naht ins Laufen. Immer, wenn sich der Berliner Unparteiische Gerhard Müller zum Beispiel zum Bully bückte, ging der „weiße Mond“ vor den 12500 Zuschauern auf, was jeweils mit lautem „Ah“ und „Oh“ honoriert wurde. Müller trug die langen Weißen unterm schwarzen Beinkleid, die sehr schön den für die Eishockey-Schiedsrichter vorgeschriebenen Zebrapullover ergänzten.
2:2 stand es, als Jörg Handrick mit einem genialen Dreiangel-Schuss das 3:2 gelang. Der Torschrei im Stadion schallte in die kühle Nacht. So wie wir dort „Tor“ brüllten, brüllten wir nie wieder „Tor“. Endlich hatte man es den Hauptstädtern, den ewig Bevorzugten, gezeigt. Vergessen waren die vielen Niederlagen, wonach die Berliner höhnisch Eiskunstlauf-Elemente darboten, so zum Beispiel Dieter Frenzel mit einer perfekten Standwaage.
Ausgerechnet Jörg Handrick, der wegen jugendlicher Eskapaden mehrfach vor dem Rausschmiss stand, machte ein Riesenspiel, schoss auch das 4:2. Die Hardliner im Weißwasseraner Verein waren nicht mehr am Ruder. Rüdiger Noack, ein gemäßigterer Chef, sah Handricks Talent und hielt seine schützende Hand über ihn und andere junge Spieler, rettete manche Eishockey-Karriere. So erging es nicht allen Quertreibern. Aus politischen oder disziplinarischen Gründen verschwanden Eishockey-Hoffnungen in der Versenkung, der Berliner Thomas Popiesch gar im Knast. Das größte Talent des DDR-Eishockeys, Reiner Tudyka, hatte schon mit 17 Jahren vom Dynamo-Einerlei dermaßen die Schnauze voll, dass er eine Flucht aus der Republik wagte und vier Jahre im Gefängnis absitzen musste. Während Handrick seit Jahren um Weißwasser einen Bogen macht, trainiert Popiesch heute ohne Groll die Ex-Dynamos aus der Lausitz.
Gestopft und zugenäht war des Referees Hose nach der letzten Drittelpause, als die Massen ironisch den Namen des Gästetrainers riefen. „Aaachieem!“, hallte es mehrfach durchs Rund – eines dieser ungewöhnlichen Rituale. Ausgerufen wurde Joachim Ziesche, der in Weißwasser aufgewachsen ist und als Spieler ein Star in Berlin war. Später trainierte er die Hauptstädter und die DDR-Auswahl.
Kürzeste DDR-Meisterschaft
Coach Ziesche sah sich, da das für die Gastgeber erlösende 5:3 gefallen war, diesen Schmährufen ausgesetzt, ertrug sie aber mannhaft. Viel schwerer wog für ihn die Niederlage. Ziesche hatte das Play-off-System eingeführt, nun fiel es ihm auf die Füße. Weißwasser wurde zum 24. Mal DDR-Meister, und das nach nur sechs Spielen, die kürzeste Meisterschaft der Geschichte. Vom Tribünendach aus rollten Umtriebige ein riesiges Glückwunsch-Transparent aus, die La-Ola-Welle – damals noch eine neue Geste – schwappte über. Als Kind erlebte ich den 22., als Jugendlicher den 23. Titelgewinn. So ausgiebig wie die 24. Meisterschaft wurde keine begossen. Zum Glück hatten wir in unserer Gruppe Elli und die Flasche „Halb und Halb“ dabei.
Zweimal noch gab es solch‘ umjubelte Spiele. Am 14. September 1990 gewann Weißwasser das erste Match in der Bundesliga gegen Westberlins Preußen vor 3000 Fans mit 2:1. Am Ende dieser Saison schickten die Lausitzer vor gleicher Kulisse den alten Rivalen Dynamo Berlin in die 2. Liga, legendär „Anna“ Gebauers Siegtor Sekunden vor dem Ende der dritten Play-Down-Partie. Die Verhältnisse sollten sich schnell ändern.
Elli ist heute Lehrerin in Dresden. Die Eishockey-Mannschaft von Dynamo Weißwasser heißt inzwischen Lausitzer Füchse. Sie spielen auch nicht mehr erst-, sondern nur noch zweitklassig. Und als großer Erfolg gilt nunmehr schon, wenn, wie im April dieses Jahres, in den Abstiegsspielen (Play-downs) der 2.Bundesliga der neue Erzrivale Dresdner Eislöwen auf den bitteren Weg in die Drittklassigkeit geschickt wird. (Sven Rohrbach *)
* Der Autor arbeitet als Sportjournalist beim MDR-Fernsehen. Sein Bruder Dirk Rohrbach ist ein ehemaliger Eishockey-Profi und heute stellvertretender Vorsitzender des ES Weißwasser.
Quelle: Sächsische Zeitung Lokalteil WSW vom 13.12.2007